Was gibt es Schöneres, als unterwegs zu sein – und zu lesen? Aus diesem Grund geht unsere neue Online-Serie in die zweite Runde. Jeden Monat präsentiert ein Müller-Autor sein Lieblingsbuch. Die Voraussetzung: Der Lesetipp handelt von einem Ort, über den der Reisejournalist bereits selbst geschrieben hat. Vielleicht ist ja die ein oder andere spannende, literarische Überraschung für Sie dabei! Und vielleicht wird Ihre Reise dadurch noch intensiver ...
Nach Dietrich Höllhuber sind Michael Bussmann und Gabi Tröger an der Reihe. Die zwei Türkei-Experten haben sich einem nachdenklichen Roman gewidmet: dem intensiv und menschlich erzählten »Traum aus Stein und Federn« von Louis de Bernières, der türkische Weltgeschichte in Einzelschicksalen beschreibt.
 Dort, wo die Lykische Küste am schönsten ist und sich die bis ins Frühjahr hinein schneebedeckten Gipfel des Taurus hinter pinienbeschatteten Buchten erheben, liegt, etwas versteckt, die Geisterstadt Kayaköyü. Als Kayaköyü noch bewohnt war, trug es den Namen Livissi. Doch die Stadt wurde in den Jahren nach 1922 peu à peu aufgegeben, und nach dem Erdbeben von 1957 verließen die letzten Einwohner den Ort. Die Häuser stehen heute leer, verkommen zu grauen Hüllen mit eingestürzten Dächern.
In Louis de Bernières‹ über 600-seitigem Monumentalroman »Traum aus Stein und Federn« heißt die heutige Touristenattraktion Kayaköyü Eskibahçe. Zehn Jahre nahm sich der im Nahen Osten aufgewachsene Schriftsteller Zeit, um die vergessene Stadt an der Lykischen Küste in einem melancholischen Märchen zu reanimieren; eine Stadt, in der die Straßen noch voller Leben und die Moscheen und Kirchen noch prächtig ausgeschmückt sind. De Bernières schildert zunächst das friedvolle Zusammenleben der Kulturen im späten Osmanischen Reich, das Leben der Türken und Griechen, der Armenier und Juden in einer beschaulichen Kleinstadt. Mit einer poetischen, orientalischen Sprache, die er den anatolischen Volksdichtern abgeschaut hat, erzählt er vom Imam, den eine herzliche Freundschaft mit dem orthodoxen Priester verbindet, von Rustem Bey, der sich eine tscherkessische Geliebte ins Haus holt, vom armenischen Apotheker Levon, der Zahnschmerzen mit Opium und Raki behandelt, oder vom radikalen Schulmeister Leonidas, der von einer griechischen Herrschaft auf anatolischem Boden träumt. De Bernières lässt aber auch Figuren in einzelnen Episoden selbst sprechen, so die schöne Griechin Philotei, die sich nach dem türkischen Ziegenhirten Ibrahim verzehrt. Und parallel zum ländlichen Idyll mit seinen kleinen Sorgen und starken Gefühlen widmet sich ein separater Erzählstrang dem Aufstieg Mustafa Kemals zum Reformer und Staatsgründer Atatürk.
Die keimende Saat des Bösen
Doch das multikulturelle Miteinander in Eskibahçe endet jäh, als der Erste Weltkrieg auch die Türkei erreicht. Die böse Saat des Nationalismus geht auf. Die Befehle der jungtürkischen Nationalisten, die 1915 das Gros der armenischen Bevölkerung in die Wüste schicken, machen auch vor Eskibahçe nicht Halt. Der erbarmenswürdige Treck der Vertriebenen zieht los: »Es war mitten am Nachmittag, die Luft war quälend heiß, und die Gruppe hatte seit dem frühen Morgen nichts zu essen und nichts zu trinken mehr bekommen. Drei alte Leute, die nicht mehr weiterkonnten, waren schon mit Gewehrkolben zu Tode geprügelt worden, damit keine Kugeln verschwendet wurden, und alle, die gute Schuhe gehabt hatten, hatten sie längst an die Eskorte abgeben müssen. Die Steine waren so heiß, dass die Fußsohlen der Vertriebenen voller blutiger Brandwunden waren.«
Aber auch von anderen schrecklichen Ereignissen jener Zeit erfährt man. So berichtet der junge Soldat Karatavuk von seinen Kriegserlebnissen auf der Halbinsel Gallipoli, verschweigt jedoch die Gräuel des verlustreichen Stellungskrieges in den Briefen an seine Familie in Eskibahçe. Man liest vom militärischen Widerstand der türkischen Nationalisten gegen die griechischen Invasoren und von der Gründung der Türkischen Republik, in welcher die christlichen Minderheiten des verschwundenen Osmanischen Reiches keinen Platz mehr haben. Der so genannte »Bevölkerungsaustausch«, bei dem die in der Türkei lebenden Griechen durch in Griechenland lebende Muslime ersetzt werden, erreicht auch Eskibahçe. Die schöne Philotei, die ihren geliebten Ibrahim nicht verlassen will, stirbt bei einem Sturz von den Klippen, und ihr nervlich zerrütteter Verehrer torkelt als »Ibrahim der Wahnsinnige« über die restlichen Seiten. Die naive Ayse, die Witwe des verstorbenen Imams, kann gar nicht verstehen, warum kretische Muslime die verwaisten Häuser der Griechen besetzen: »Diese kretischen Muslime sind gar nicht so viel anders als unsere Christen, (...) und da fragt man sich, ob es wirklich nötig war, sie auszutauschen, denn die Kreter singen und tanzen genauso wie unsere Christen (...). Ein paar von diesen Kretern sprechen nur Griechisch. Unsere Christen konnten wenigstens alle Türkisch.« Auch Iskander, der Töpfer, kann sich mit dem neuen Leben ohne die griechischen Nachbarn nicht so richtig anfreunden: »Viele in der Stadt sagen, ohne die Christen gehe es uns besser, doch ich für meinen Teil vermisse das alte Leben, und ich vermisse die Christen. Ohne sie ist das Leben eintöniger geworden (...)«.
Historischer Hintergrund zum EU-Beitritt
»Der Traum aus Stein und Federn« verwebt poetisch(e) Einzelschicksale mit großer Geschichte und liefert nebenbei den historischen Hintergrund zur aktuellen Debatte um den EU-Beitritt der Türkei. Ein spannender, bedrückender, schöner, schrecklicher und trauriger Roman, den man am besten vor dem Besuch von Kayaköyü gelesen haben sollte. Wer dann vor den Ruinen der menschenleeren Stadt steht, sieht das, was auch de Bernières detailgenau notiert hat: »Heute wohnen nur schmächtige Eidechsen und riesige Heuschrecken dort. Raues Gras wächst zwischen den Steinen, und der Gesang der Nachtigallen, deren nächtlicher Widerstreit einst die Einwohnerschaft um den Schlaf brachte, verhallt nun über einem Meer aus Trümmern (...).«
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