Als im Frühjahr 1979 der junge Reisejournalist Michael Müller, der sich bereits seine ersten Sporen in Südamerika und Griechenland verdient hatte, seinen Verlag in seiner fränkischen Heimatstadt Ebermannstadt aus der Taufe hob, hatte er genau diese Leserschaft im Sinn. Eine Kugelkopf- Schreibmaschine und ein Kopf voller Ideen waren das Startkapital des Ein-Mann-Unternehmens.
Die ersten Reisebücher zu Portugal und zur Toscana brachen mit allen Konventionen der Branche: mit der Schreibmaschine produziert, gespickt mit Informationen, Hintergrundstories und Tipps, dazu selbst gemalte Karten und lustige Zeichnungen zur Unterhaltung. Bald fanden die selbst verlegten Reiseführer von Michael Müller reißenden Absatz; ein Etappenziel war erreicht: Endlich konnte eine junge Generation Land und Leute kennen lernen – und zwar unbeeinflusst vom anachronistischen Bildungsideal ihrer Eltern. Die jungen Reisenden wollten mit wenig Geld so lange wie möglich den alten Kontinent zwischen Nordkap und Gibraltar entdecken. Als Eberhard Fohrer, der bereits an den ersten beiden Verlagstiteln »Portugal« und »Toscana« mitgearbeitet hatte, 1982 sein Kompendium »Interrail« vorlegte, lernten Tausende von Lesern mit der Bahn halb Europa kennen. Es bildete sich eine wahre Fangemeinde, die den Autor mit zustimmenden Leserbriefen überschüttete. Binnen kürzester Zeit wurde der Titel zur geschätzten »Bibel« der deutschsprachigen Interrailer.
Als Ferienreisen innerhalb Deutschlands als spießig und antiquiert galten, kamen Michael Müller und der junge Journalist Hans-Peter Siebenhaar auf die Idee, den roten Chianti mit dunklem Kellerbier zu vertauschen und auf Heimatsuche abseits gängiger Kaffeefahrtenklischees zu gehen. So entstand mit dem Buch »Fränkische Schweiz« 1982 der erste praktische Reiseführer zu einer deutschen Ferienregion, der sich auch kritisch mit vermeintlichen Heimatidyllen auseinandersetzte und nicht nur die Schönheit der Landschaft pries. Diese neue Art des kritischen Reisejournalismus, gepaart mit der Präsentation unzähliger praktischer Informationen, die stets vor Ort von den Autoren erprobt und gesammelt wurden, machten den erstaunlichen Erfolg dieses Buches aus. Der später mehrfach neu aufgelegte Titel war gleichzeitig Start der Deutschland-Reihe im Michael Müller Verlag.
Die 80er Jahre sorgten für eine technische Revolution im Verlagswesen. 1983 wurde eine Triumph-Adler-Kugelkopfmaschine angeschafft, mit der das Speichern von einzelnen Seiten möglich war. Schon vier Jahre später dann die nächste Innovation: die ersten Bücher (»Griechenland« und »Griechische Inseln«) wurden mit dem Personal Computer und einem Laserdrucker hergestellt. Das Büchermachen selbst war plötzlich viel einfacher geworden und nahm vor allem nicht mehr so viel Zeit in Anspruch. Im Ergebnis bedeutetet das: mehr Zeit für die Recherche und die Aktualisierung der Titel.
So entwickelte der Erlanger Verleger, dessen Bücher noch heute zu den ersten alternativen Reiseführern überhaupt zählen, sein bewährtes Konzept weiter: aus praktischen Begleitern für Rucksacktouristen wurden verlässliche Invidualguides für alle Altersgruppen. Bald wurde der Erfolg auch außerhalb des deutschen Sprachraums registriert, und einige Verlagstitel erschienen in schwedischer, englischer und spanischer Übersetzung.
Bereits Mitte der 80er Jahre avancierte das Individualisten-Ziel »Griechenland« zu einem Schwerpunkt des Verlags. Das Autorenteam, bestehend aus Eberhard Fohrer, Hans-Peter Siebenhaar und Peter Kanzler, reiste viele tausend Kilometer kreuz und quer durch ganz Hellas. 1985 entstand der »Kreta-Führer« (Eberhard Fohrer), 1986 folgten die Titel »Peloponnes« (Hans-Peter Siebenhaar) sowie »Nord- und Mittelgriechenland« (Peter Kanzler) und schließlich 1987 die beiden Sammelbände »Griechenland« und »Griechische Inseln«. Sämtliche der genannten Handbücher zählen längst zu den Verlags-Klassikern und haben eine zweistellige Auflagenzahl erreicht, was sich in der Qualität der Langzeit-Guides, die stetig aktualisiert werden, niederschlägt. So ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise der Titel »Kreta«, der mittlerweile in der 14. Auflage vorliegt, zum ersten Mal um eine herausnehmbare Karte erweitert und durch die Handbücher »Kreta – der Osten« sowie »Kreta – der Westen« ergänzt wurde, über 150.000 Mal über den Ladentisch ging.
Reisen, Recherchieren und Schreiben waren seit jeher die drei Säulen unserer Verlagsphilosophie – »gemanagt« wurde das Unternehmen fast nebenbei. Als Firmensitz diente die Erlanger Privatwohnung von Michael Müller. Das Wohnzimmer war Besprechungszimmer, Schreibbüro, Redaktion und Produktionsstätte in einem. Das zehnjährige Verlagsjubiläum brachte schließlich die Professionalisierung. 1989 bezog der Verlag moderne Büroräume am Rande der Erlanger Altstadt. Der Vertrieb wurde vom GeoCenter auf eigene Handelsvertreter umgestellt. Judit Ladik, heute Ehefrau des Verlegers, stieß zum Verlagsteam und erstellte am Apple die ersten digitalen Karten und Stadtpläne. Mit der »Kreta Infokarte« wurde nur ein paar Jahre später (1994) ein völlig neues Produkt entwickelt. Denn die dreiteiligen Karten mit Texten auf Vorder- und Rückseiten, mit Routentipps und praktischen Adressen sind eine ideale Kombination aus Individualreisebuch und verlässlicher Karte. Diese Idee wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends perfektioniert und mündete in eine neue Michael Müller-Serie: die MM-Touring-Reihe. Touren und Wanderkarten mit GPS-Koordinaten stehen im Mittelpunkt dieser Titel, wobei Mountainbikeausflüge und Autorouten zu Sehenswürdigkeiten gleichermaßen berücksichtigt wurden – eine ideale Kombination aus punktgenauer Karte und Kompaktreiseführer.
Bestimmten über viele Jahre handgezeichnete Illustrationen und Schwarz-Weiß-Bilder die Optik der Bücher, wurde 1991 mit »Fränkische Schweiz« erstmals ein durchgehend farbiger Reiseführer publiziert. Das Konzept bewährte sich. Heute werden viele Bücher farbig bebildert und nahezu alle Neuerscheinungen in einem farbenfrohen Outfit präsentiert. Doch nicht nur die Entwicklung vom alternativen Reisehandbuch zum Individualreiseführer wurde in der 90er Jahren vollzogen; es kam auch zu einer schrittweisen Ausweitung des Verlagsprogramms. Neben den Schwerpunkten »Griechenland« und »Italien« wird heute der gesamte Mittelmeerraum, aber auch West- und Nordeuropa abgedeckt. Und auch der Sprung auf andere Kontinente ist mit »Ecuador«, »Tunesien«, »Dominikanische Republik« und »Sinai & Rotes Meer« längst vollzogen.
Zu den Innovationen des Verlag gehört zudem eine neue Städteführer-Reihe – MM-City –, die mit den Titeln »Paris«, »London« und »Lissabon« startete und zwischenzeitlich durch die Guides »Amsterdam«, »Berlin«, »Istanbul«, »Prag«, »Rom«, »Venedig« und »Wien« erfolgreich ausgebaut wurde. 2004 feiert der Michael Müller Verlag nun sein silbernes, 25-jähriges Jubiläum: Trotz Expansion und Professionalisierung handelt es sich noch immer um ein kleines Unternehmen. Freundschaftliches Miteinander, konsequentes Qualitätsdenken und kontinuierliche Aktualität bestimmen nach wie vor die Firmenphilosophie. Und trotz aller Zugeständnisse an die Bedürfnisse des Marktes, der Michael Müller Verlag bleibt wie seine Bücher – individuell und unabhängig. Nicht zuletzt deswegen bescheinigte uns die renommierte Touristikzeitschrift »Reise & Preise« die »beste Reihe für Individualreisende in Europa.« |